
Antony Szmierek - Decoding Birdsong | Album der Woche
Neue Umgebung - neuer Spirit
24.08.2026 Daniel Meinel
Diese Woche gibt’s doppelten Nachschub für eure Plattensammlung - mit gleich zwei Alben der Woche. Eins davon ist die neue und selbstbetitelte Platte von Lotte, das andere kommt von Antony Szmierek.
Dancefloor-Poet und Meister der alltäglichen Magie: Antony Szmierek veröffentlicht mit Decoding Birdsong sein mit Spannung erwartetes zweites Album. Nach seinem kometenhaften Aufstieg und dem gefeierten Debüt Service Station at the End of the Universe aus dem Jahr 2025 liefert der ehemalige Englischlehrer nun ein Werk, das treibende Club-Beats mit Spoken-Word-Lyrik vereint. Eine Platte über den absurden Zufall des Lebens, den schützenden Raum dunkler Clubs und einen ausgedienten Reiher namens Ken.
Die Flucht aus der Truman Show
Der Erfolg seines Debütalbums kam mit einer Wucht, die Szmierek selbst überraschte. Seine Songs waren so tief in den Straßen, Pubs und Wahrzeichen von Greater Manchester verwurzelt – man denke nur an seine Ode an die Stockport Pyramid –, dass er plötzlich in seiner Heimatstadt keine Ruhe mehr fand. Jeder kannte seinen Namen; das Leben fühlte sich an wie in der Truman Show. Um das Impostor-Syndrom in Schach zu halten und den plötzlichen Ruhm, der ihn bis auf die Bühne des Alexandra Palace (als Support für Solomun vor 20.000 Menschen) katapultierte, verarbeiten zu können, zog er die Reißleine. Szmierek verließ Manchester und zog ins ruhigere Bristol. Diese neu gewonnene Distanz, die Nähe zum Wasser und zur Natur gaben ihm die nötige Erdung, um den Kopf für Decoding Birdsong frei zu bekommen.
Rezension 1
Antony Szmierek - Decoding Birdsong
Ken, der Reiher, und die Magie des Zufalls
Antony Szmierek glaubt an Zeichen des Universums. Für das neue Album wurde ein ausgestopfter Reiher aus den 1920er Jahren zu seinem kosmischen Begleiter. Der Vogel, den er liebevoll "Ken" getauft hat, ziert nicht nur das Cover, sondern bekam mit dem von Disco inspirierten House-Track The Heron auch eine eigene musikalische Hommage. Für Szmierek, der aus der britischen Arbeiterklasse stammt, symbolisiert der Vogel eine Brücke zwischen zwei Welten: dem Wasser und dem Land, seinem alten Leben als Lehrer und seiner neuen Realität als Musikact. Gleichzeitig ist er ein analoger Anker in einer Zeit, die von Künstlicher Intelligenz und beängstigenden Newsfeeds dominiert wird. Decoding Birdsong ist durchdrungen von der Frage nach Schicksal, Glück und den marginalen Dingen, die unser Leben verändern.
Snooker-Dokumentationen und die Club-Gebärmutter
Während sein Debüt vor allem ein Solo-Trip war, atmet Decoding Birdsong den Geist der Kollaboration. Gemeinsam mit seinem Stamm-Produzenten Max Rad ging Szmierek diesmal viel impulsiver vor. Sie ließen sich von Basslines leiten, jammten im Studio und luden Freunde ein. So finden sich auf dem Album Gäste wie Australiens Pretty Girl, die Londoner Band Los Bitchos, Indiopop-Künstlerin Ellur (auf dem Garage-Banger Bookie’s Favourite) und Imogen and the Knife (auf dem melodischen Techno-Track Flight Simulator). Szmierek übergab bewusst Kontrolle und ließ aus den Songs organische Momentaufnahmen entstehen.
„Ich möchte einfach an Magie glauben. Manchmal wünsche ich mir, der Himmel würde aufreißen und ein riesiger Typ würde runterschauen und sagen: ‚Überraschung, ihr wart die ganze Zeit in einem Aquarium.‘ Es hat wohl viel mit meiner Working-Class-Herkunft zu tun, dass ich Mythen, Kneipengeschichten und diesen kosmischen Zufall so sehr schätze – besonders als Gegengewicht zu den täglichen, furchteinflößenden Nachrichten.“
Ein perfektes Beispiel für diesen Fokus auf den Zufall ist der sägezahnartige Electro-Track Chalk. Inspiriert von einer Dokumentation über die Snooker-Legende Ronnie O'Sullivan, nutzt Szmierek das Kreiden des Queues als Metapher für die Chaos-Theorie: Eine winzige Handlung, die über Sieg oder Niederlage entscheidet – genau wie in der Musikindustrie. Musikalisch zieht Szmierek seine Inspiration aus den elektronischen Welten von Four Tet, Caribou oder LCD Soundsystem. Er beschreibt den dunklen Club mit seinen repetitiven Beats als etwas extrem Schützendes, fast wie eine Gebärmutter ("womb-like"). Hier, im Rhythmus des Dancefloors, findet seine "Lyrics-First"-Herangehensweise das perfekte Fundament.
Rezension II
Antony Szmierek - Decoding Birdsong
Am Ende ist Decoding Birdsong nicht nur eine kluge Reflexion über das Gatekeeping in der Musikbranche, sondern vor allem eine gewaltige Liebeserklärung an das Leben selbst. Szmierek will mit seiner Musik ein Katalysator für Begegnungen, erste Küsse und Tränen sein – ein Anspruch, den er bei seinen extrem intensiven und emotionalen Live-Shows bereits mühelos einlöst.
Im Radio: 24. August - 30. August 2026



















